Wein, Gesang und Liebe

Wein, Gesang und Liebe

Geschrieben von: Weise: L. Liebe. 1887; Worte: Fr. Bodenstedt    PDF
  1. Die Weise guter Zecher ist
    in früh und später Stunde,
    daß alter Wein im Becher ist
    und neuer Witz im Munde;
    denn wo man eins davon entbehrt,
    da ist das andre auch nichts wert:
    |: das eine steht zum andern! :|

  2. Je mehr wir uns vertieft in Wein,
    je höher steigt der Geist uns;
    der Bart der Weisheit trieft von Wein,
    die ganze Welt umkreist uns
    versunken ganz in Trunkenheit,
    und trunken in Versunkenheit,
    |: in Wein, Gesang und Liebe! :|

  3. Die Weisen beim Pokale stehn
    hoch über der Gemeinheit,
    wie Berge überm Thale stehn
    in himmelhoher Reinheit.
    Die Berge färbt des Himmels Licht,
    uns widerstrahlt das Angesicht
    |: im Glanz der vollen Becher. :|

  4. Sagt, was die Welt im Tausch uns giebt
    für unser lustig Leben?
    Die Wonne, die ein Rausch uns giebt,
    wer mag uns Bessres geben?
    Nur eins kenn ich, das schöner ist:
    wenn du, Hafisa! bei mir bist,
    |: mit Küssen und mit Scherzen! :|

  5. Und weil so kurz das Leben ist,
    muß stets der Weisen Ziel sein:
    des Glücks, das uns gegeben ist,
    kann nimmermehr zu viel sein!
    Drum, Kind, laß alle Skrupel sein,
    und steig herab in unsre Reihn
    |: wie ins Gebirg die Sonne! :|