Lob des Weins

Lob des Weins

Geschrieben von: Weise: J. Fr. Knapp; Worte: Friedr. v. Hardenberg gen. Novalis, 1801    PDF
  1. Auf grünen Bergen ward geboren
    der Gott, der uns den Himmel bringt;
    |: die Sonne hat ihn sich erkoren,
    daß sie mit Flammen ihn durchdringt, :|
    daß sie mit Flammen ihn durchdringt!

  2. Er wird im Lenz mit Lust empfangen,
    der zarte Schoß quillt still empor,
    |: und wenn des Herbstes Früchte prangen,
    springt auch das goldne Kind hervor, :|
    springt auch das goldne Kind hervor.

  3. Sie legen ihn in enge Wiegen,
    ins unterirdische Geschoß,
    er träumt von Festen und von Siegen
    und baut sich manches luftge Schloß.

  4. Es nahe keiner seiner Kammer,
    wenn er sich ungeduldig drängt,
    und jedes Band und jede Klammer
    mit jugendlichen Kräften sprengt.

  5. Denn unsichtbare Wächter stellen,
    so lang er träumt, sich um ihn her,
    und wer betritt die heilgen Schwellen,
    den trifft ihr lustumwundner Speer.

  6. Sowie die Schwingen sich entfalten,
    läßt er die lichten Augen sehn,
    läßt ruhig seine Priester schalten,
    und kommt herauf, wenn sie ihm flehn.

  7. Aus seiner Wiege dunklem Schoße
    erscheint er im Krystallgewand;
    verschwiegner Eintracht volle Rose
    trägt er bedeutend in der Hand.

  8. Und überall um ihn versammeln
    sich seine Jünger hocherfreut,
    und tausend frohe Zungen stammeln
    ihm ihre Lieb und Dankbarkeit.

  9. Er spritzt in ungezählten Strahlen
    sein innres Leben in die Welt;
    die Liebe nippt aus seinen Schalen
    und bleibt ihm ewig zugesellt.

  10. Er nahm als Geist der goldnen Zeiten
    von jeher sich des Dichters an,
    der immer seine Lieblichkeiten
    in trunknen Liedern aufgethan.

  11. Er gab ihm, seine Treu zu ehren,
    ein Recht auf jeden hübschen Mund,
    und daß es keine darf ihm wehren,
    macht Gott durch ihn es allen kund.