Der Mai ist gekommen

Der Mai ist gekommen

Geschrieben von: Text: Emanuel Geibel, 1841; Melodie: Justus Wilhelm Lyra, 1842    PDF
  1. Der Mai ist gekommen,
    die Bäume schlagen aus.
    Da bleibe, wer Lust hat,
    mit Sorgen zu Haus!
    Wie die Wolken wandern
    am himmlischen Zelt,
    so steht auch mir der Sinn
    in die weite, weite Welt.

  2. Herr Vater, Frau Mutter,
    daß Gott euch behüt'!
    Wer weiß, wo in der Ferne
    mein Glück mir noch blüht;
    es gibt so manche Straße,
    da nimmer ich marschiert,
    es gibt so manchen Wein,
    den ich nimmer noch probiert.

  3. Frisch auf drum, frisch auf drum
    im hellen Sonnenstrahl!
    Wohl über die Berge,
    wohl durch das tiefe Tal!
    Die Quellen erklingen,
    die Bäume rauschen all;
    mein Herz ist wie'n Lerche
    und stimmet ein mit Schall.

  4. Und abends im Städtlein,
    da kehr ich durstig ein:
    "Herr Wirt, Herr Wirt,
    eine Kanne blanken Wein!
    Ergreife die Fiedel,
    du lust'ger Spielmann du,
    von meinem Schatz das Liedel,
    das sing ich dazu!"

  5. Und find ich keine Herberg,
    so lieg ich zur Nacht
    wohl unter blauem Himmel,
    die Sterne halten Wacht;
    im Winde die Linde,
    die rauscht mich ein gemach,
    es küsset in der Früh
    das Morgenrot mich wach.

  6. O Wandern, o Wandern,
    du freie Burschenlust!
    Da wehet Gottes Odem
    so frisch in die Brust;
    da singet und jauchzet
    das Herz zum Himmelszelt:
    Wie bist du doch so schön,
    o du weite, weite Welt!


Emanuel Geibel, 1841; Weise: Justus Wilhelm Lyra, 1842