Was bedeutet es eigentlich Deutsch(er) zu sein? | |
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Nun denn – schleudern wir also ein paar Blitze. Die Fragestellung ist kontrovers. Ist beispielsweise ein Rentner mit deutschem Pass, der seit dreißig Jahren auf Mallorca wohnt, deutscher als ein asiatischer Migrant, der in der dritten Generation in Deutschland lebt und arbeitet und dort Steuern zahlt, nur eben ohne Staatsbürgerschaft? Was macht es aus, Deutscher zu sein? Den Pass der Bundesrepublik zu besitzen? Den Erstwohnsitz dort zu haben? Die Herkunft des Vaters? Gar die Gene? Oder die Muttersprache? Vielleicht die Fähigkeiten im Rezitieren schillerscher Gedichte? Oder eher im Verwandeln wichtiger Elfmeter? Eine Vorliebe für kompliziertes Steuerrecht? Oder regelmäßiger Bierkonsum? Die Antwort fällt nicht ganz leicht, und es ist relativ simpel, die Frage ist Lächerliche zu ziehen, wenn man die Diskussion auf stereotype Nationalcharaktere lenkt und auf frühneuzeitliche Völkertafeln. Aber allein daraus zu schließen, dass man, was deutsch ist, nun überhaupt nicht definieren könne und Gedanken darüber auf immer zu begraben habe, ist auch ein Trugschluss; mit ein wenig Nachdenken kann man sehr wohl eine sinnvolle, wenngleich immer noch unscharfe Definition finden. Der Philosoph Arthur Schopenhauer meinte einmal, der eigentümliche Fehler der Deutschen sei, dass sie, was vor ihren Füßen liege, in den Wolken suchten. Suchen wir deshalb diesmal vor den Füßen, also beim Naheliegenden. Naheliegend ist zunächst ein Blick auf die Landkarte. Deutschland, das Land der Deutschen, ist offensichtlich ein geographisch umgrenzter Raum, nicht ganz strikt abgegrenzt, im Lauf der Geschichte auch hin und wieder verschoben, aber eben doch ein Ort, mit natürlichen Merkmalen, den Bergen, den Wäldern, den Flüssen, mit einer Naturgeschichte also, aber auch einer kulturellen Geschichte, mit Städten, Straßen, Architektur, und eben dem Volk, das dort lebt und sich, vielleicht unbewusst noch in Mittelalter und Renaissance, aber sehr bewusst seit rund zweihundert Jahren auch als solches begreift und seit 1871 und wieder seit 1990 in einem Staat lebt, der die meisten Deutschen umfasst. Deutschland ist keine Fiktion, Deutschland ist eine Realität, das zeigt jede Landkarte. Der Blick auf die Karte verrät aber zugleich auch, dass die Festlegung, ein Deutscher zu sein, etwas Willkürliches hat. Die Deutschen, die in Deutschland leben, sind nicht nur Deutsche. Sie haben einen Pluralismus von Identitäten. Man ist vieles gleichzeitig. Münchener zum Beispiel, daneben Oberbayer, auch Deutscher, darüber hinaus aber auch Mitteleuropäer und gar Erdenbürger (und was immer an Zwischenebenen hier noch fehlen sollte). Auch das ist nicht Fiktion, sondern Realität, auch historisch: In den über tausend Jahren seit den Ottonen, mit denen die Historiker gemeinhin die deutsche Geschichte beginnen lassen, haben die verschiedenen deutschen Stämme sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Entsprechend sind ihre kollektiven Erinnerungen, ihre Blicke auf die Geschichte verschieden, auch auf die großen Heroengestalten wie Bismarck, Adenauer oder Helmut Kohl. Neben diesen gleichsam vertikalen Identitätspluralismus tritt noch ein horizontaler. Man gehört nicht nur einer Nation an; auch einer Familie, man ist Teil einer Generation, einer bestimmten Berufsgruppe, folgt politischen Weltanschauungen oder Religionsgemeinschaften, alles jeweils mit eigenen Sozialisationsgeschichten, einem eigenem Loyalitätsanspruch, der manchmal über, manchmal unter dem der Nation rangiert. In diesem Pluralismus der Identitäten sollte man die Nation gewiss nicht überbewerten und allein als die alles bestimmende Instanz und Primärgemeinschaft einordnen – das führt zum Extremismus; aber unterbewerten sollte man sie auch nicht und leugnen schon gar nicht. Deutschland ist zuallererst Kulturnation Zu diesen speziell für Deutschland konstitutiven Elementen gehört zuallererst die Sprache. Wie Ernst Moritz Arndt in seinem berühmten Lied „Was ist des Deutschen Vaterland?“ auf die gleichlautende Frage antwortet: „So weit die deutsche Zunge klingt“. Lange bevor es einen deutschen Staat oder auch nur ein deutsches Nationalbewusstsein gab, formte bereits die Sprache die deutsche Geisteswelt und ließ die Überlieferungen und Kulturerzeugnisse entstehen, aus denen man dann im Rückblick das Entstehen einer deutschen Identität ableiten konnte. Wie man von den Iren und den Polen sagt, dass in den langen Jahrzehnten ihrer staatlichen Nichtexistenz es vor allem der Katholizismus war, der sie ihre Identität bewahren ließ, muss man von den Deutschen sagen, dass es das krummgeschnitzte Holz ihres Idioms gewesen ist, das sie zusammenhielt. Ironischerweise muss man sogar feststellen, dass die deutsche Dichtung und die deutsche Philosophie ihren Höhepunkt erreichten, als das alte, vornationale Heilige Römische Reich im Absterben begriffen oder schon vergangen war. Vor der politischen Nation stand in Deutschland die Kulturnation, möglich durch die gemeinsame Sprache. Insofern sind Luther und Melanchthon mit ihrer Bibelübersetzung, welche die deutsche Sprache so prägte, für das Entstehen der deutschen Nation mutmaßlich ebenso identitätsstiftend gewesen wie die viel später auftretenden Staatenlenker vom Format eines Napoleon oder Bismarck. Wenn das so ist, bedeutet es, dass in der Debatte über die Integration von Einwanderern das Erlernen der deutschen Sprache mehr ist als ein Instrument, damit soziale Gruppen miteinander kommunizieren können und niemand von der Arbeitswelt ausgeschlossen ist. Es wird ein Stück Selbstzweck, kultureller Protektionismus, wenn man so will, denn ein Land, in dem die Oberschicht Englisch oder Chinesisch spricht und die Unterschicht Türkisch oder Arabisch, wäre demzufolge Deutschland nur noch dem Namen nach. Deutscher kann nach einer kulturellen Definition nur sein, wer Deutsch als Muttersprache hat oder im Alltag mehrheitlich Deutsch spricht. Fremdenfeindlich ist das nicht. Der einzelne nicht kulturell assimilierte Amerikaner oder Chinese oder Türke oder Araber ist durchaus eine Bereicherung, der das Zusammenleben spannender und vielfältiger und die Republik, wie der Herr Bundespräsident so gerne sagt, „bunter“ macht. Aber tausend oder zehntausend und drei Millionen sind eben ein Unterschied, zumal sich die demographischen Gewichte in unserem Land, selbst wenn man manche Hochrechnungen übertrieben finden mag, absehbar verschieben werden. Es ist keine Intoleranz, das – zu recht oder zu unrecht befürchtete – allmähliche Vergehen der eigenen Kultur durch Überfremdung, also die starke Zunahme nichtintegrierter Migranten, als Verlust zu empfinden und sich zu fragen, ob man im Rahmen der rechtsstaatlichen Ordnung etwas dagegen tun kann. Und es ist auch nicht zwangsläufig so, dass hinter dieser Furcht sich ein Ressentiment gegen den einzelnen Migranten maskiert und verbirgt, wenngleich das bei manchen durchaus der Fall sein mag. Integration heißt, Deutscher zu werden Wenn man sich einmal auf diese in gewisser Weise konservative, kulturprotektionistische Perspektive einlässt, muss Integration demnach heißen, Einwanderer in einem kulturellen Sinne zu Deutschen zu machen. Das betrifft zuallererst die Sprache und die Herausbildung eines Zugehörigkeitsgefühls zur deutschen Nation, neben der eine gewisse Eigenidentität durchaus bestehen bleiben kann, wie sie die jüdischen Deutschen sich beispielsweise auch immer bewahrt haben. Integration heißt nicht, die eigene Herkunft zu vergessen; aber dazuzugehören und dazugehören zu wollen. Und Integration kann funktionieren. Monsieur Sarrazin, der Nachfahre hugenottischer Einwanderer, ist dafür durchaus ein Beispiel. Deutschland ist nicht erst seit gestern Einwanderungsland. Gerade Berlin und Brandenburg, Kerngebiete des ehemaligen Königsreichs Preußen, haben schon eine viel längere Migrationsgeschichte. Als im 17. Jahrhundert die Protestanten in Frankreich verfolgt wurden, öffnete der brandenburgische Kurfürst, Vorläufer des preußischen Königs, die Tore und bat die Flüchtlinge herein – nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern weil sein unterbevölkertes Reich die gut ausgebildeten Zuwanderer gut brauchen konnte. Viele tausend kamen. Zeitweise war jeder dritte Einwohner Berlins ein Franzose. Und andere folgten, Salzburger, Waldenser, Mennoniten, Presbyterianer, sogar manche Katholiken und Juden, denen in rigideren protestantischen Staaten nicht wohl war. Und Friedrich der Große meinte gar einmal, wenn auch noch Mohammedaner kämen, werde man ihnen Moscheen bauen. Die Zuwanderer jedenfalls nahmen gleichberechtigt an Wirtschaft und Gesellschaft teil, hier und da sogar privilegiert. Freilich mit einem harten Leistungsprinzip, Einwanderung in Sozialsysteme – beziehungsweise Sozialsysteme überhaupt – kannten die Hohenzollern noch nicht. Manche sind dabei gewiss auf der Strecke geblieben, aber die, von denen wir wissen, sind Preußen geworden. Deutscher zu sein oder zu werden, heißt objektiv, noch einmal anders gewendet, Teil des deutschen Kulturkreises zu sein, also vor allem deutschsprachig und eingebunden in das Geflecht aus geschichtlicher Erfahrung, kultureller Prägung und Alltagsmoral, das die Deutschen trotz aller regionalen Unterschiede miteinander teilen. Und es heißt subjektiv, sich als Teil der deutschen Nation zu begreifen, je nach Situation und persönlicher Lage mal mehr, mal weniger bewusst. Abstammung und Glaube Dr. Sarrazin sagt an anderer, auch sehr umstrittener Stelle seines Buches, er wolle nicht, dass in Deutschland der Tagesrhythmus vom Ruf des Muezzins bestimmt werde; wenn er das hören wollte, würde er Urlaub im Morgenland machen. Daraus kann man einen Anspruch einer christlich geprägten Mehrheit ableiten, auch in Zukunft eine kulturell dominante Rolle zu spielen; auch ansonsten bestens integrierte Muslime wären demnach in großer Zahl ein Problem, insofern stößt sich diese Passage mit dem Grundsatz der Religionsfreiheit. Was aber natürlich die Frage noch nicht beantwortet, ob zur deutschen Kultur die vorherrschende Rolle der christlichen Tradition untrennbar dazugehört und eigentlich verteidigt werden müsste, soweit der Rechtsstaat es denn zuließe. Zum einen gilt natürlich, dass man die religiöse Komponente einer Gesellschaft nicht, wie eine radikal-laizistische Sichtweise es tut, künstlich von allen anderen abtrennen kann. Sie ist integraler Teil einer Kultur; tatsächlich ist das Christentum mit seinen jüdischen Wurzeln eine der wesentlichen, vielleicht die wesentliche Konstante der langen Geschichte der Deutschen gewesen und in seiner protestantischen, lutherischen Form jedenfalls für den 1. deutschen Nationalstaat von 1871 sehr stark identitätsbestimmend. Und wenn man in diesem Sinne kulturprotektionistisch argumentiert, entsteht ganz automatisch eine Präferenz für Kirchtürme statt Minaretten und Glockenschlägen statt Muezzin-Rufen. Zum anderen aber befindet sich das Christentum jedenfalls in seiner eigentlich religiösen, aktiv praktizierten Form seit längerem schon auf dem Rückzug, in Ostdeutschland ist sogar formal nur noch eine Minderheit Angehöriger einer christlichen Konfession. Diese tektonische Verschiebung, die in der Tat einen Kulturbruch in der langen deutschen Geschichte bedeutet, ist unabhängig von den muslimischen Migranten und ohne ihr Zutun entstanden. Die sehr viel größere Gefahr, wenn man darin eine Gefahr sehen will, eines Verlusts der deutschen christlichen Kultur besteht in der Schwäche der christlichen Kirchen selbst; das Entstehen eines deutschen oder europäischen Islam ist demgegenüber zeitlich und von der Bedeutung her ein nachgelagertes Phänomen und nach vielleicht sogar eher eine Chance und eine Befruchtung, weil durch den Spiegel, den gläubige Muslime den Einheimischen vorhalten, durchaus auch eine neue Wertschätzung und Neugier für die eigenen christlichen Wurzeln entstehen könnte. Die Diskriminierung von Muslimen in irgendeiner Form ist jedenfalls mit der Erhaltung einer christlichen Leitkultur nicht zu begründen. Deutschland hat, immer noch, eine Kultur mit christlicher Prägung, aber nicht das Christentum als Staatsreligion, und Deutscher zu sein heißt nicht automatisch, Christ zu sein. Blick nach innen Dies läuft auf das Verständnis einer Kulturnation, nicht einer Staatsnation hinaus, wobei der Bezug natürlich eigentlich ein anderer ist. Denn die Abgrenzungsfrage, die bei der Formulierung der Satzung im Vordergrund stand, waren weniger Migranten im Inland, sondern Deutsche im Ausland, vor allem wegen der dort existierenden VDSt- und VDH-Bünde. Österreicher gelten demnach selbstverständlich als Deutsche, auch die Angehörigen deutscher Minderheiten, die es hier und da im Ausland noch gibt, in Südtirol und Oberschlesien etwa. Darauf ist die Satzung eigentlich ausgelegt. Aber sie lässt sich natürlich auch auf das Verhältnis zu den Einwanderern in Deutschland anwenden, und auch da gilt, dass nicht der Erwerb der Staatsangehörigkeit entscheidend ist, sondern die Zugehörigkeit – oder das Zugehörig-Werden – zum deutschen Kulturkreis, wobei die Sprache explizit genannt ist. Damit korrespondiert auch das im § 2 der Satzung genannte Verbandsziel der „Pflege der deutschen Kultur und Sprache“. In der Erklärung „Wege zu unseren Zielen“ (VT 1980) heißt es dazu: „Die Mitglieder der Vereine Deutscher Studenten sind sich ihrer Zugehörigkeit zum deutschen Volk bewusst und fühlen sich mit allen Deutschen in der Welt in besonderer Weise verbunden. Sie leben zwar in verschiedenen Staaten, gehören aber dem gemeinsamen Kulturvolk der Deutschen an. Sie bekennen sich zu dessen kulturellen Werten und tragen dazu bei, sie zu erhalten und zu pflegen. Jeden übersteigerten Nationalismus lehnen sie ab.“ Indem die Erhaltung und Pflege von kulturellen Werten gefordert wird, hat der VDSt, der insgesamt durchaus keine konservative Einrichtung ist, hier einen konservativen Zug, wobei man über das, was im Einzelnen an Ideen und Maßnahmen daraus folgt, durchaus streiten kann und soll und es hier eine vorgefertigte „Verbandsmeinung“ nicht gibt. In einem anderen Sinne ist diese Sichtweise aber wiederum gar nicht konservativ, sondern sehr modern, denn indem wir gerade in Europa das Zeitalter der Nationalstaaten mehr und mehr hinter uns lassen, die staatlichen Aufgaben an höhere Ebenen abgegeben werden, wird sich ganz automatisch die Selbstdefinition der Nationen wieder mehr auf ihre kulturelle Dimension fokussieren. Dazu gilt auch heute noch, was Herbert Fiebiger, ein Urgestein unseres Verbandes, sehr klug zur 125. Verbandstagung formulierte: „Auch im Rahmen der EU bleibt der Nationalstaat erhalten. Tätig ist er nicht mehr allumfassend. Doch der Nation bleibt eine Aufgabe, wichtig und wertvoll: Die Sprache, die Überlieferung, die Wesensart, eben die Kultur des Volkes zu schützen und zu pflegen – als Kulturnation. Nicht in Abwehrhaltung gegenüber allem Fremden darf das geschehen, wie es früher mitunter der Fall war, sondern offen für Anregungen – auch für Einflüsse – von jenseits alter Grenzen, wenn dieses für unsere Kultur Gewinn verspricht. Wir können und sollen auf Menschen von jenseits unserer Grenzen zugehen, offen, neugierig und werbend für das, was wir als Deutsche in ein Europa der Nationen kulturell einbringen.“ |





